Saros Bucht

Wir liegen heute Abend, wie Gestern, vor Anker in einer kleinen türkischen Bucht, an der Einfahrt zum Bosporus. Gerade haben wir Mannschafter und Unteroffiziere einen leckeren Eis-Sundowner auf dem Achterdeck zu uns genommen und Dummschnack gehalten. Das Glück ist mit mir, dass ich keine Ankerwache gehen muss und in diesen Stunden ein wenig Zeit für mich habe. Die einzige Zeit, in der man davon sprechen kann. Denn normalerweise sind die Tage so straff gestrickt, dass die wenigen Gelegenheiten, die man frei verwenden kann, fürs konsequente Ausruhen missbraucht werden. So kommt leicht das Gefühl auf, dass man im reinen Seebetrieb lebt. Man geht eine Art Symbiose mit seinem Boot und der Mannschaft ein und verdrängt leicht die alten Normalitäten.

So bedarf es in den Häfen in die wir einlaufen stets einer Umgewöhnung. Ich für meinen Teil nehme die Landgänge eher als Träume war. Sie sind kurz und brisant. Man nimmt nur Umrisse wahr, nimmt verschwommene Eindrücke mit, die wahrscheinlich nur wenig dem eigentlichen Bild des Landes oder der Stadt ähneln.

Wie dem auch sei sind es ganz großartige Erfahrungen und Eindrücke, die ich sammeln darf. Von wunderschönen Buchten in den wir liegen oder ich bade bis zu fabelhaften Gerüchen, Gesichtern und Erlebnissen an Land.

Ich durfte euch ja schon berichten, wie wir in Cartagena ankamen. Wir waren in Valencia und haben Tapas gegessen, uns die Stierkampfarena angeschaut. Sind in blauen Lagunen Baden gegangen. Waren Wandern, Fahrrad fahren und in Kneipen und Diskos. Die acht Tage dort scheinen mir nun als wären sie schon Jahre her. Dort hatte ich noch das Gefühl Urlaub zu machen – war noch nicht im Element der Seefahrt. Schon in Patras, als Katrin mich besuchen kam, sah dies ganz anders aus. An Land zu schlafen und mein Boot von außen zu betrachten hat mich verführt viel darüber nachzudenken. So konnte ich die erst geschilderten Gedanken überhaupt fassen.

Patras selbst und die Zeit dort mit Katrin waren sehr schön und wir haben typischer Weise viel gesehen und erlebt – mitunter natürlich zusammen mit der Besatzung der Mosel. Man kann kaum leugnen, dass diese drei Tage drei sehr bewegende Tage waren, die ich nicht missen möchte. Vom ausgedehnten Strandbesuch zum Entspannen über die Rückkehr aus Bars um sieben Uhr Morgens zu glorreicher Zweisamkeit.

In der Türkei, in Izmir, wiederum war alles sehr unerwartet. Wir lagen an einer durch das türkische Militär bewachten Pier hinter Sandsäcken und von MG-Schützen umgeben. Zum ersten Mal hatte ich wirklich das Gefühl auf einem Kriegsschiff zu sein. Wenn man durch das Portal von der Pier ging, hat sich der Eindruck aber verflüchtigt. Als man sofort von 20 Leuten angesprochen wurde, was man denn haben wolle. Und tatsächlich: Hat man seinen Wunsch geäußert, wurde man auf direktem Wege von mindestens zwei Herren begleitet. Dorthin, wo man jenes bekam. Eindrucksvoll in diesem Sinne war auch der Basar als größter der Türkei und zweitgrößter der Welt. Siebentausend Lädchen öffneten eine so große Bandbreite an Dingen die man braucht – oder eben nicht, dass 90% der Besatzung mit mindestens fünf Tüten wieder an Bord schlenderten. Allein in diesem Hafen haben die 80 Mann an Bord so über 40.000€ gelassen! Ich habe es dabei auf eine Wasserpfeife und ein nettes T-Shirt beschränkt – was allerdings eigentlich auch nicht unbedingt auf meiner Wunschliste stand. Ansonsten wurde natürlich auf Schritt und Tritt versucht, die Leute auszunehmen. Trotz des unglaublich netten Eindrucks der Leute. Insbesondere, weil beinahe jeder Deutsch kannte! Ich will behaupten, dass auch mindestens die Häfte der Verkäufer vorher im Ruhrpott gelebt hat ;)

Nun sind wir hier, wo wir sind – in dieser kleinen Bucht umgeben von kleinen türkischen Dörfchen und vielen kleinen weißen Anglern und Fischern. Der Sundowner liegt hinter mir und gerade kam einer meiner Kammerkameraden und hat mir ein amerikanisches Bier in die Hand gedrückt. Das schmeckt zwar nicht so recht nach Bier. Aber einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul, nicht?

Diese Bucht trägt allerdings auch ihr böses Ohmen mit sich, da sie Ausweiche für das eigentlich Geplante war. So werden wir am Samstag nicht in Constanza einlaufen sondern in Canakkale. Ein kleiner Militärhafen in der Straße zum Bosporus, wo wir weder mit Post versorgt werden, noch freien Ausgang haben. Die Russen haben uns das Fahren im schwarzen Meer verboten. Im Moment erwarte ich dort die türkischen Fregatten und an Land stramme Soldaten, die Tag und Nacht ihre Waffen auf uns richten. Wahrscheinlich übertreibe ich aber. Schließlich haben wir in dem NATO Verband in dem wir fahren auch die Erdemli, ein türkischer Minensucher. Die liegt heute Nacht auch längsseits und irgendwie macht die Besatzung nicht den Eindruck, als wäre das türkische Militär so, wie man davon hört. Ich werde aber natürlich berichten, sobald wir da sind.

Damit werde ich es auch für heute belassen. Sollten wir in Canakkale Internetzugang bekommen, werde ich auch Bilder nachsenden. Sonst halt erst in Burgas, der nächsten Station. Die wir dann anlaufen werden, wenn wir schlussendlich Einlass ins Schwarze Meer von den Russen bekommen.

Bis dahin sonnige Grüße aus dem Mittelmeer

Roman

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