Der Mob & direkte digitale Demokratie

Kameraüberwachung in Dresden (Bildquelle)Die politische Elite steht unter Druck, am Stammtisch und im digitalen Netzwerk radikalisieren sich die Meinungen. Zeitweise beherrschen Knüppel und Blut vielerorts deutsche Strassen.
Seitdem 1992 Politikverdrossenheit zum Wort des Jahres erklärt wurde, passte das lange zu unserem allgemeinen Selbstverständnis als deutscher Michel. Politik: das wollten wir nicht, das konnten wir nicht, dafür war uns die Zeit zu schade. Facetten einer US-Amerikanern zugeschriebenen Eigenschaft blühten in deutschen Einfamilienhäusern. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, wie nun hier, liege es zu allererstes in unserer eigenen, direkten Verantwortung wie wir leben und wie es uns geht. Repräsentanten des Volkes wurden offenbar einzig auf die Funktion ihrer internationalen und medialen Repräsentation degradiert.

Umso verhängnisvoller muss das Erlebnis einer zusammenbrechenden Finanzwelt in unsere Köpfe geprescht sein. Die politische Elite, offenbar der gesamten westliche Welt, ist einer lethargischen laissez-faire Mentalität verfallen. Nach dem Motto “Die lassen uns in Ruhe, lassen wir die also auch in Ruhe” konnten sich Bürger und Politiker aufeinander verlassen. Solange dies auf beiden Seiten fair genutzt würde, mag dieses Konzept wohlmöglich eine gelungene Alternative zum in der Sekundarstufe vermittelten Demokratieverständnis darstellen. Jeder Mensch allerdings, der sich neben seiner selbst auch mit seiner Umwelt beschäftigt, muss festgestellt haben, dass Menschen nicht unentwegt gemeinnützig handeln. So konnte es kommen, dass “Finanzexperten” mit unserem Geld Wolkenberge versetzen und unsere hiesigen Politiker ungeachtet und auf Grundlage vielfältiger, medial vermittelter Terrorängste unsere Bürgerrechte einschränken.

Augenscheinlich mussten wir diesen Knall erleben, damit auch der letzte Industrielandbürger sich die Mütze aus dem Gesicht zieht. Und plötzlich fragen sich alle wie das passieren konnte. Dabei hat es uns “einfache” Bürger doppelt getroffen: Zum einen unterstehen wir der permanent möglichen Überwachung durch Staatsorgane, haben wegen steigender Steuerbelastungen weniger im Portemonnaie und müssen uns zu allem Übel auch noch damit abfinden, dass unsere Mitbürger und internationalen Partner unsere Altersrücklagen in Form von Aktien umverteilt haben. Umverteilt in dem Sinne, dass der, der viel hatte, jetzt noch mehr hat und umgekehrt.

Der deutsche Michel, nun auch noch der dumme August, kramt jetzt voller Wut die Mistgabel aus seinem Vollholz-Wohnzimmerschrank. Redner der Opposition laufen mit Fackeln vorweg. Seit Jahrzehnten geplante Projekte wie die Bahnofsmodernisierung in Stuttgart, der eigentlich permanent währende Castor-Transport nach Gorleben, das verzögerte Renteneintrittsalter, der Krieg den wir im nahen Osten führen, sehen sich plötzlich einem wütenden Mob gegenüber, der aufgewacht aus seinem Zweiten-Frühstücks-Mittagsschlaf, sich bei den Entscheidungen übergangen fühlt.

Die Politikverdrossenheit ist Vergangenheit. Jetzt wird nach Vergeltung gerufen und das Wort des Jahres 2010 sollte eigentlich “Politikhass” werden. Ein Großteil der Bevölkerung wähnt sich bei der Opposition bestätigt. Der andere Teil streut seine Brandreden am Stammtisch oder im digitalen Netzwerk. Das sich an unserem Politik- und Demokratieverständnis in den letzten 100 Jahren einiges geändert hat ist vielleicht nicht ganz so offensichtlich wie die Tatsache, dass Kommunikation, Meinungsbildung und politische Partizipation heute nicht mehr zu vergleichen sind mit Begebenheiten von vor 100 Jahren. Da ist es schwer zu verstehen, wieso beruhend auf diesen Erkenntnissen der aktuelle politische Diskurs immer noch von überholten Argumenten und einer abgehobenen Elite bestimmt wird.

Partizipation durch digitale Netzwerke (Bildquelle)Wenn unsere Kommunikation heute so massiv von digitalem Austausch bestimmt wird, wieso finden sich diese Modelle im politischen Diskurs höchsten in der Kritik? Diese Divergenz zwischen politischem und gesellschaftlichem Leben ist dann die wahrscheinlichste Begründung für das Unverständnis, das unsere demokratisierte Gesellschaft wieder droht zu spalten. Aus Angst und gefühlter Machtlosigkeit retten wir uns in radikale Phrasen.

Klingt es nicht sinnvoller, dass in Zeiten wie diesen, wir demokratische Grundsätze an die Kirchentür nageln sollten? Emanzipation und Partizipation des Individuums könnten uns aus der Krise retten. Politische Lager sind in einer multilateralen Welt mit mannigfaltig gebildeten und interessierten Bürgern ein veraltetes Prinzip bei dem es uns nicht wundern dürfte, dass sich niemand mehr mit einer Partei identifizieren mag. Der digitale Zugang zu einem nie da gewesenen Informationsschatz und die finanziellen Spielräume die wir genießen, schließen beinahe aus, dass sich ein junger Kosmopolit in ein nationales, politisches Parteikorsett zwängen würde.
Wieso sollten wir Kompromiss in der Fraktion suchen, wenn wir doch auch mit unserer, vielleicht komplexen oder radikalen, Ansicht auch so Gehör finden? Unsere digitalen Netzwerke sind voller politischer Identität, voller Motivation. Dass diese neuen Wege der politischen Kommunikation nicht nur ignoriert, sondern bisweilen sogar bekämpft werden, grenzt an Verblendung.

Scheint es nicht naheliegend, dass eine institutionelle, parteienbestimmte politische Landschaft ein veraltetes Modell ist, das dem Demokratieanspruch junger Generationen und unserer schnelllebigen Welt nicht gerecht wird?
Dass es noch nicht lange her ist, dass wir diese Organisations- und Polarisierungsorgane benötigten um nicht dem Chaos zu verfallen, ist zu begreifen. Nun müssen wir allerdings endlich anfangen die politische Verantwortung durch unsere digitale Vernetzung wieder näher an den Bürger zu bringen. Wäre dies geschafft, könnte auch niemand mehr fluchen, dass “die da Oben” gegen seinen Willen handeln.

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